Schöne Vorurteile The Beauty of Gays – warum Schwule gut aussehen
Neulich im Chat: Claudia H. (Name verändert, Anm d. Red.) meinte unverhohlen: “Ach, du bist schwul? Dann siehst du sicherlich total hübsch aus!” … Irgendwie seltsam anmutend. Denn es grassiert dieser Lande offensichtlich ein drolliges Vorurteil sonderbarster Ausmaße: Schwulen Jungs wird zumeist vorgeworfen, körperlich und vor allem vom Gesicht her übertrieben “schön” zu sein. Und von Haus aus schönen Jungs wird wiederum untersagt, durch und durch schwul zu sein. Darauf angesprochen geben Männer das Vorurteil ungern zu; wer sich hingegen die erstbeste Frau in der düsteren, spärlich beleuchteten Gosse schnappt und sie unverhohlen danach fragt, wie sie sich schwule Jungs denn so vorstellt, lautet ihre Antwort mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit “süß”, “niedlich” oder “einfach schön”. Auch die multimediale Werbung und diverse 10-Euro-Nachmittagsproduktionen im Hartz IV-Fernsehen suggerieren ein elfenhaftes Erscheinen schwuler Jungs und Männer. Sie hätten allesamt einen sexy, durchtrainierten Body, ein makelloses Sixpack, schlanke Arme und Beine – zusammengefasst einfach einen zärtlichen, aber dennoch sportlich gebauten Körper. Dazu gesellen sich ein lupenreines Gesicht samt eines gefühlsintensiven, zierlichen Ausdrucks.
Besonders überzogen ausgeprägt ist diese einseitige Darstellung schwuler Jungs in einschlägigen Pornos der Szene, der dortige Zwang zum perfekten Körper ist bei Weitem stärker vorhanden als in heterosexuellen pornografischen Darstellungen. Stichwort Twinks. Wessen Gestalt nicht die menschliche Perfektion an sich verkörpert, hat in diesem Gewerbe absolut keine Chance.
Aber – stimmt das denn wirklich? Sind Schwule adretter als ihre heterosexuellen Pedanten des gleichen Geschlechts?
Schwule sind nicht unbedingt attraktiv, sie achten nur mehr auf ihren Look
Zugegebenermaßen achten einige Schwule weit mehr auf ihr Äußeres als der Rest der Männerwelt drum herum. Mit mehreren Pflegeshampoos behandelte, gestylte und mit dem Glätteisen malträtierte Haare gehören teils genauso zum Alltag wie penibel gepflegte Fingernägel, diverse Gesichtscremes und natürlich ein bis auf den Kopf komplett enthaarter Körper. Wohlgemerkt: Bei einem Teil der Schwulen. Und – jetzt kommt der interessante Part – ebenso bei einem nicht zu verachtenden Anteil aller Männer in ihrer Gesamtheit. Wir befinden uns in einer Ära, in der jener “in” ist, der sich pflegt und größeren Wert auf sein Äußeres gibt. Das hat nichts mit Metrosexualität und jenes noch weniger mit Sex in der U-Bahn zu tun, sondern liegt an unserem enormen, seit Jahren ununterbrochen anhaltenden gesellschaftlichen Wandel. Unterlagen bis gegen Ende der 90er Jahre vor allem Frauen dem Gesellschaftszwang, dünn und hübsch seien zu müssen, ist es spätestens seit der Jahrtausendwende vermehrt desgleichen die männliche Bevölkerung. Es weht der Zeitgeist der physischen Perfektion durch unsere Straßen.
Aus dem Boden sprießende Marken wie “NIVEA For Men” oder “L’Oréal Paris: For Men” untermauern, dass es sich längst nicht mehr um einen temporären Effekt, sondern um einen knallhart umkämpften, milliardenschweren Beauty-Markt handelt. Medien, Filme, Frauen und die Werbung machen es vor: Männer müssen schön sein. Sonst haben sie keine Chance in der modernen Gesellschaft. In der Tat zeigen Umfragen, dass vor allem das Erscheinungsbild der Jungs und Männer laut deren Annahme immer öfters über Beruf oder Arbeitslosigkeit und Singledasein oder Partnerschaft entscheidet.
Nichts als die Wahrheit
Doch schon weit vor dieser Beauty-Welle herrschte die Auffassung vor, dass Schwule immer schön und geschminkt seien. Zeit also, mit dieser zwar nicht miesen, aber dennoch nervenden Engstirnigkeit aufzuräumen. Fakt ist: Ein Teil der schwulen Jungs und Männer achten durchaus verstärkt auf ihre Attitüde. Sie besitzen desgleichen vermehrt stärkere Gefühle, sind näher am Wasser gebaut. Und sie besitzen mitunter eine sensiblere, nahezu feinnervigere Art, sich zu bewegen.
Aber wie obig bereits erwähnt eben nur ein Bruchteil der Gesamtheit. Genauso vielen Schwulen ist ihr Aussehen völlig egal, sie sind abseits ihrer sexuellen Ausrichtung immer noch eines: Männer! Sie trinken Bier, sie gucken Fußball, sie rülpsen und furzen und verhalten sich manchmal wie kleine Kinder. À la Mario Barth. Sprich: Sie verhalten sich ganz “normal”. Es gibt dort draußen unglaublich viele Homosexuelle, schätzungsweise sind bis zu 10 Prozent der Bevölkerung schwul oder lesbisch. Die meisten sorgen eben nur nicht für Furore. Heerscharen, vor allem Schwule, schlossen gar den Bund der Ehe und haben Kinder, da sie sich ihre sexuelle Ausrichtung nicht eingestehen trauen oder einfach nicht sicher sind.
Dass alle schwulen Jugendlichen und Erwachsenen also übermäßig attraktiv seien, ist definitiv eine Legende. Leider, mag manch einer denken. Sie ist genauso falsch wie die Behauptung, dass sich alle Emos ritzen. Aber – wie es eben in unserer Gesellschaft gang und gäbe ist: Nur die reichen und schrillen finden Beachtung – und jene, die das nicht vorweisen können, begehren danach und tun es ihnen gleich. Sie kaufen die beworbenen Produkte und bemühen sich, ebenso reizvoll zu erscheinen. Das Ewige streben nach Perfektion. Unter anderem daher finden sich in der Werbung und in den besagten Serien immer nur die Wohlgestalten. Sonst würde keiner zuschalten. Körperliche Vollendung – nicht nur die der Schwulen – ist also in den heutigen Auswüchsen ein rein mediales Phänomen, hervorgerufen durch einen scheinbar unermesslich großen Produktmarkt, den zu schröpfen es gilt – und durch einige wenige, die tatsächlich eine gewisse natürliche Schönheit vorweisen können. Letztendlich gilt aber immer noch: Schönheit ist Ansichtssache! Claudia H.’s Welt bräche möglichenfalls restlos zusammen, sähe sie, wie die Mehrheit der Schwulen tatsächlich aussieht.
Meine eigene Überzeugung dazu: Ich finde durchaus, dass viele Jungs einfach unwiderstehlich gut aussehen! Bedenke er allerdings, dass auch diesen Text ein Schwuler verfasste 😉