Arabischer Frühling Proteste in Libyen – wo bleibt der “moralisch überlegene” Westen?


Aufruhr im Land des goldenen Morgens. Die Bevölkerungen im Nahen Osten begehren auf, gehen geschlossen auf die Straßen, kämpfen um ihre Rechte. Ob Länder wie Tunesien und Ägypten, in welchen die Proteste bereits erfolgreich verliefen, oder Marokko, Dschibuti, Bahrain, Jemen, Algerien, Jordanien, Serbien, Sudan, Indien sowie auch wiederholt im Iran. Die dort lebenden Menschen haben die Schnauze voll. Eine der kulturell geschichtsträchtigsten und reichsten Gegenden der Erde vegetiert seit vielen Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten unter dem Joch Einzelner, sich zum Herrscher über alle Länder erklärter Diktatoren, Könige und ewig Gestrige.
Ein Volk übt den Aufstand

Seitdem schallt es auf den Straßen Tripolis und anderer libyscher Städte: Viva la Revolución! Nieder mit Muammar Al-Gaddafi. Ein stiefmütterlich behandeltes Volk kämpft für seine Freiheit, für die Ideologie der Demokratie, für Menschlichkeit. Al-Gaddafi wiederum hält verbissen an seinem Thron fest, rangelt um sein politisches Überleben. Mit aller Härte befiehlt er seinen hochgerüsteten Eliteeinheiten, gegen den Mob vorgehen. Polizisten schießen auf ihre eigenen Landsleute, erschütternde Berichte über Granatenexplosionen und Scharfschützen machen die Runde. Jüngst soll nun sogar die libysche Luftwaffe aktiv Angriffe gegen Demonstranten geflogen haben. Raketen aus der Luft gegen menschliche Schutzschilder. Wohl war, Libyens Zukunft steht derzeit wankend auf des Messers Schneide. Was die Menschen nun benötigten, wäre internationale Rückendeckung. Zuspruch. Mut. Hilfe. Unterstützung. Damit auch dieser Umsturz erfolgreich verläuft und er wiederum Menschen in anderen Ländern den gleichen Willen schenkt, ihre Zukunft fortan selbst in die Hand zu nehmen.
Europa schaut zu

Vergehen Verbrechen, sang- und klaglos zuzusehen, wie ein ums überleben kämpfende Volk auf den Straßen abgeschlachtet wird? Ohne etwas dagegen zu unternehmen, obwohl wir durchaus entsprechende Hebel der Macht besäßen?
Der Westen täte gut daran, mit vereinter Stimme zu verkünden: AL-Gaddafi, lass deine Militärs zu Hause, oder wir ziehen sowohl sie als auch dich aus dem Verkehr.
Nun, die Realität sieht leider anders aus: Eine missmutige Kanzlerin mit nach unten hängenden Wangen stammelt fahrig etwas von “… wir nehmen zutiefst Anteil und wünschen dem libyschen Volk alles Gute …” in eifrig aufgebaute Mikrofone. Ein wahrlich “emotionales” Lippenbekenntnis. Nur um anschließend wieder zu Deutschlands OMG-Nachrichtenthematik Numero 1 zurückzukehren, dem guttenbergschem Doktortitel. Vor den Mauern der Festung Europa kämpfen reale Menschen verzweifelt gegen diktatorische Regime – und wir beschäftigen uns stumpfsinnig um zwei irrelevante Buchstaben eines lausbübischen Verteidigungsministers.
Geld macht Macht

Der Wüstenstaat Lybien verfügt bekanntlich über reiche Ölvorkommen. Schwarzes Gold, von dessen Kuchen jeder ein Stückchen abhaben will. Auch und vor allem Europa. Wir sind auf Öl angewiesen. Ergo besitzt der, der das Öl besitzt, das Recht, sich alles erlauben zu können. Solange Lybien Öl nach Europa und auch in die USA exportiert, werden sich unsere Politiker hüten, aufzubegehren und ernsthaft etwas gegen Gaddafis Verständnis von der “diskreten Auflösung einer aufgebrachten Menschenmenge” unternehmen. Sobald es um Öl und Geld – und somit um Macht – geht, spricht auf einmal niemand mehr von Menschenrechten.
Der Weg in die Freiheit
Wir können nur hoffen, dass das libysche Volk das nötige Durchhaltevermögen besitzt, um Muammar Al-Gaddafi außer Landes zu treiben und endlich die engen Fesseln der Diktatur zu sprengen. Denn der Wille existiert, das steht außer Frage. Eine Zukunft in Freiheit und Friede sei ihnen mehr als gegönnt. Wir allerdings sollten uns auf die Frage gefasst machen, warum Europa seelenruhig zusah, derweil Hunderte und Aberhunderte Menschen ihr Leben ließen. Auf dass wir dann vor Scham im Boden versinken.