Minimalismus durch Digitalisierung

“Krony, wieso ist deine Butze so leer?”, so schallte es wiederholt perplex im quadrierten Kreise meiner vier W├Ąnde. Des R├Ątsels L├Âsung: Es herrscht ad hoc kein Bedarf hinsichtlich weiteren Mobiliars. Punktum. Erw├╝rbe ich beflissen Schr├Ąnke und Regale, so st├╝nden diese dauerhaft leer. Ich setzte mich selbst unter Zugzwang, mir kitschigen Nippes, seelenlose Fig├╝rchen und anderweitigen Krempel zuzulegen, einzig erpicht darauf, die vollendete Leere meiner Staufl├Ąchen mit jenen entbehrlichen Gegenst├Ąnden fachgerecht zu umzingeln respektive zu kaschieren.

Des Dilemmas ruchloser Verursacher ist die voranschreitende Digitalisierung jedweden Bereiches unseres analogen Alltags (tihihi, ANALog). Fr├╝her f├╝llte Weltlekt├╝re zahllose Regale, m├Ąchtige Schm├Âker und d├╝nnseitige Groschenromane. Sie zierte ganze W├Ąnde, beanspruchte Stauraum, zeigte unbeirrt Pr├Ąsenz, vermittelte Besuchern einen Eindruck von Weltkenntnis, Weisheit und Gelehrsamkeit. Dieser Tage hingegen verk├Ârperte in meiner Wohnung ein einzelner Amazon Kindle besagtes B├╝cherregal, eine massive Agglomeration digitalisierter Lyrik inmitten systematischer ├ľdnis.

Wo weiter schwarz-gl├Ąnzende Scheiben gerillten Vinyls sowie silbern und bl├Ąulich spiegelnde Datentr├Ąger Seite an Seite stehend lagerten, erf├╝llt ob epischer Sinfonien, freudiger Kl├Ąnge, monumentaler Bewegtbilder und dramatischer Momente, verl├Âre sich dieser Tage ein auf Papierstreifen gebannter WLAN-Key auf weiter Flur, welcher via digitalen ├ťbermittlers in Form internetf├Ąhiger Ger├Ąte als Pf├Ârtner zu schier unendlich anmutenden Medien-Universen von Spotify und Google Play Movies fungierte. Musik und Filme stehen in nie da gewesener F├╝lle parat, erpicht darauf, bis ans Ende meines Lebens ausnahmslos alle Sekunden dessen vollumfassend befriedigend musisch zu untermalen. Ich stehe vor der fragw├╝rdig anmutenden Crux, dass ich zwar massig Medien habe, doch nicht besitze – mein Entertainmentregal b├Âte daher allenfalls beflissen webenden Spinnen eine dauerhafte Bleibe.

Lichtbilder, in Alben gepickt und gar manche mysteri├Âse Kiste f├╝llend, verloren ihre haptische Form, transformierten sich in Myriaden lausiger Nullen und Einser – und entfleuchten letztlich in die Sph├Ąren diverser Clouds. Kalender verschwanden von W├Ąnden, Notizen von Schreibtischen, Einkaufslisten von K├╝hlschr├Ąnken, Telefonb├╝cher von Telefontischen und Magazine sowie Comics von Tresen und Beistelltischchen heimeliger Toiletten. Apps ├╝bernahmen die Herrschaft ├╝ber h├Ąusliche Zucht und Ordnung, so auch bei mir. Obsolet bliebe auch das Interieur eines Arbeits- oder B├╝rozimmers, da dessen Schreibtischschubladen, Wandkonsolen und Ordnerregale bar jeglichen Inhaltes allenfalls h├Ąuslichen Staub wahrten – diesem neumodernen Internetz sei dank. Rechnungen, Korrespondenz, Briefe sowie anderweitige Dokumente liegen ebenso vollends in digitaler Form vor und entbehren somit s├Ąmtlicher Objektivit├Ąt, inklusive einhergehender Randerscheinungen wie Heftern, Lochern, Aktenordnern und Konsorten.

├ähnliches Schicksal erfuhren Radio, Fernseher und Telefon: Sie verschwanden schleichend aus meinem Alltag und hinterlie├čen klaffende L├╝cken im potenziellen Arrangement meiner M├Âbel, wurden gnadenlos verdr├Ąngt durch Smartphone, Tablet, Laptop und Computer; alles k├Ânnenden Reingeburten virtueller H├Âllen.

Was bleibt, ist, dass nichts bleibt. Wohl an, man b├Âte mir einen gro├čen Raum, erf├╝llt von wonnevollen Melodien und himmlischer Lichtkunst ├á la James Turrell, durchzogen von frischer, erquickender Luft und m├Ąchtigem WLAN – und inmitten des Nichts gekr├Ânt von einer flauschigen Mulde sanfter Kissen, kuschliger Decken und eines formidablen Laptops – und ich f├╝hlte mich wohl, ja endlich zu Hause angekommen. Ich lebe unter der Gei├čel des Internets – und bin gleichwohl Geisel dessen. Und das ist gut so. #devoterKrony

Heil dem Materialismus

N├Ąchtigt le Awapando bei mir, so liegt er mir unentwegt eines ungezogenen Kindes gleich n├Âlend im Ohr: “Kauf dir dieses, kauf dir jenes, und mir auch, eigentlich vor allem mir, tu es, du Muggel!” Allerorten warten naiven Konsumenten vortreffliche Verlockungen auf, und gar manch schwacher Geist verf├Ąllt jenen Verf├╝hrungen. Sicher, ich k├Ânnte jederzeit zugreifen. D├╝rfte es mir leisten. Und gebe selber frei heraus und g├Ąnzlich ungeschminkt zu: Besitz ist schon sehr sehr geil, joah. Verschafft sagenhaft oberfl├Ąchliches Ansehen und inkompetenten Respekt, bereitet Spa├č und Unterhaltung. Zeigt auf: Kuckt mal, das bin ich und das kann ich mir leisten, ├Ątsch! Ja, seht her, staunet, versinket in Ehrfurcht vor meiner Gro├čartigkeit. Verehret mich aufgrund meines materiellen Besitzes. Denn ich bin ein K├Ânner. Und g├Ânn mir. Und ihr minderwertigen Mitmenschen d├╝rft g├╝tigerweise bis zu einem gewissen Grad in meinem g├╝ldenen Glanze baden und daran teilhaben.

Ich k├Ânnte mich von materiellen G├╝tern allererster Sahne umgeben. Von s├╝ndhaft teuren Gadgets, neuesten elektronischen Schreien, ausgefeilten Designerm├Âbeln, modernster K├╝nste und erlesener Monturen feinsten Modehandwerks. Ich k├Ânnte. Doch ich brauche dies alles schlicht und ergreifend nicht, erfreue mich an dem Wenigen, welches ich mit Fug und Recht mein Eigentum nennen darf. Ich lebe und liebe Minimalismus, empfinde ein Zuviel an Hab und Gut belastend, erdr├╝ckend, meine emotionale wie physische Ordnung st├Ârend. Ich kaufte einzig um des Habens wegen, nicht um des Brauchens. F├╝r andere, nicht f├╝r mich selbst. Ich k├Ânnte, doch ich f├╝hlte mich damit unwohl, miede meinen Besitz, verachtete jenes Materielle, suchte andernorts Schutz und Erf├╝llung in vollendeter, lichtdurchfluter Leere.

Ich feiere die Digitalisierung unserer Umgebung, sie kommt mir entgegen, erm├Âglicht ein Leben in Ordnung und Leere, in welcher ich mich so unendlich wohlf├╝hle. Denn weniger ist mehr.

3 Kommentare

  1. ­čîŁ Awapando Er├Ârterte

    So schlimm bin ich jetzt doch auch nicht.
    Ich schlage dir lediglich Dinge vor die in deiner Butze verdammt geil w├Ąren, ob du sie kaufst oder nicht liegt letzten Endes noch immer bei dir.

    Flauschige Gr├╝├če, Awapando

    Kontern!
    • ­čĄŚ Krony Schw├Ątzte

      Huhu Hase,

      oh doch, du bist so schlimm – und das feier ich so derbe an dir ­čÖé W├Ąrste hingegen durchwegs lame, lernten wir uns vermutlich niemals kennen. Und hey – viele deiner N├Âlereien bringen sichtbare Besserung in mein Leben, siehe beispielsweise Schuhe. Oder Musikgeschmack. Oder Three Sixty Black. Oder sow. Ich hoffe sogar, dass k├╝nftig weiteres Gen├Âle von deiner Seite folgen wird, auf dass wir auch weiterhin schnaftige Einkaufsrunden und eskalierende Chill-Abende verbringen werden <3

      K├╝sschen auf die Muschi, dein Krony

      Kontern!
  2. Pingback: Adieu, IT ?? | Krony

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