Send Nudes

Send Nudes

Twitter, Snapchat, WhatsApp, Threema, iMessage, Telegram, Tinder, Grindr, Planetromeo, etc. – gar ĂŒberall vermag dasselbe Schema fordernder Natur aufzuwarten: Send Nudes. Send Dickpics. Sofort! Tu es! Die alternative Form desselben Schemas unaufgeforderter (und zuweilen unverhoffter) Beschaffenheit lautet indes: Incoming Nudes. Incumming Dickpics. Palim-Palim, voilĂ , Überraschung!

Zur Sache kommen ?

Nudes. Nudes everywhere. UnabhĂ€ngig von Plattform, Alter und Geschlecht lernen wir Digital Natives dieser Tage zuvörderst den Intimbereich eines fremden Menschen kennen – und erst im Anschluss daran dessen eigentliches Wesen. Von Beginn an kennen wir seine SexualitĂ€t mitunter wortwörtlich in- und auswendig, wissen ĂŒber praktizierte Vorlieben, delikate Fantasien und gemeisterte Erfahrungen bescheid. Masturbieren womöglich ob jener Flut koketter Informationen und bildlicher EindrĂŒcke. Kontern selbst mit erlesenen Lichtbildern des eigenen Körpers, in den heimischen vier WĂ€nden oder an exotischen Orten geknipst. Wie die Natur uns schuf, in neutraler oder zweifelsfrei eindeutiger Pose – zurĂŒckhaltend, imitierend oder im Eifer des expliziten Gefechts befindlich. Sind hierbei alleine, mit innigen Freunden oder etwa temporĂ€ren BettabschnittsgefĂ€hrten zugegen. Wir verschicken Nacktfotos, versenden Videos, camen ungeniert miteinander – und empfangen all dies en masse; einer postmodernen Auslegung von „ich zeig dir meins – du zeigst mir deins“ gleich. Aber sind dabei mit dem dahinter stehenden EmpfĂ€nger oder Absender in diesem altbackenen Real-life eventuell nicht einmal persönlich vertraut, denn es gilt die Devise: Erst kommt (buchstĂ€blich) der Korpus, dann das Wesen.

Ruhm und Ehre ?

Teilweise versenden wir anschauliche, aus perfekten Winkeln gefertigte Amateurpornografie zum Schmeicheln des persönlichen Egos: GestĂ€hlter Körper, pralles GemĂ€cht, feste BrĂŒste, rasierte Vagina, knackiger Po und ein verschmitztes, doppeldeutiges Grinsen im Gesicht ernten gar sanften Balsam fĂŒr die Seele; besser noch – im Erfolgsfalle öffnen Nudes nicht selten unvermuteten Sexdates TĂŒr und Tor (und Beine). Weswegen dilettantische Aktfotografien schon lange nicht mehr ausschließlich in schmierig anmutenden Sexportalen oder prĂŒde via Snapchat versendet werden, sondern fĂŒr die gesamte Weltöffentlichkeit potenziell einsehbar per Twitter, Tumblr oder klassisch ĂŒber Facebook. Frei nach dem Motto: „Guckt mal! Das bin ich. Und ich bin toll, ja besser als du! All dies an meiner Großartigkeit könntest du haben, und sei es nur des körperlichen Spaßes wegen. Doch selbstredend nur, wenn du meinen hohen AnsprĂŒchen gerecht wirst“.

Wo Licht ist, ist auch Schatten ?

Freilich umschmeichelt uns nicht jegliche postnudestische Reaktion mit eitlem Sonnenschein: Aufgrund der Tatsache, dass es unmöglich ist, dem subjektiven Geschmack aller Individuen gerecht zu werden, kann öffentlich geteilte Schnappschusspornografie gelegentlich auch harsche Kritik hervorrufen. Trolle und Hatespeecher anlocken, welche aus GrĂŒnden der Langeweile, Minderwertigkeitskomplexen oder blankem Neid auf jeglichen erkennbaren Facetten unseres dauerhaft eingefangen Körperabbildes herumreiten. „Du Fotze!“, „HĂ€ssliche Missgeburt!“, „Delete your account“, „Eww, ekelhaff!“ – alles schon dagewesen. Hier gilt es, gnadenlos zu differenzieren und erhobenen Hauptes selbstbewusst zu kontern: „Klar, ich bin nun einmal nicht perfekt, und doch liebe ich meine Statur so, wie sie ist; in diesem Sinne: Zur Kenntnis genommen!“ Vertraue nur dir selbst, wenn andere an dir kritisieren, aber nimm ihnen ihre Kritik nicht ĂŒbel – und erst recht nicht persönlich. Es gilt, sich nicht verunsichern zu lassen; die Lust an jener digitalen Fleischesschau (wer prĂ€gte eigentlich diesen grausigen Begriff?) beizubehalten. Sich zu trauen. Individuell wahrgenommene Makel Ă  la zu viel Speck auf den Rippen, asymmetrische Vagina, krummer Penis, ungleiche BrĂŒste, ĂŒppiges Haar, zu wenig Haar, zu groß, zu klein und dergleichen mindestens temporĂ€r zu billigen. Als Gesamtkonstrukt betrachtet verfĂŒg jeder Leib ĂŒber Ausstrahlung und Anmut; und es gibt immer Leute, in deren Augen ein Körper vollkommen und verlockend erscheint – entgegen der persönlichen EinschĂ€tzung. Klingt selbstgefĂ€llig und weltfremd?

Objekt der Begierde ?

Pustekuchen; dies ist fĂŒr eine massiv wachsende Zahl Millionen und Abermillionen junger Menschen gelebte RealitĂ€t. Erotische Bildmaterialien sind mitnichten bloße Spielerei oder ein Symptom des grassierenden Fav-Sammeltriebs, sie dienen vielmehr der Kommunikation einer aufgeschlossenen, aufgeklĂ€rten jungen Rasselbande. Sind Bestandteil ihres – und da ich mich hinzu zĂ€hle auch meines – Alltags. Sie sind die logische Weiterentwicklung des klassischen Sextings, des Dirty Talks zur gegenseitigen Erregung; und richten den Fokus der Aufmerksamkeit anderer ohne Zweifel mehr denn je auf das eigene Ego. Auf SelbstbeweihrĂ€ucherung, auf die perfekte Inszenierung des eigenen Ichs. Doch sie dienen auch dem digitalen Ausleben der uns innewohnenden SexualitĂ€t – und der gelegentlich daraus resultierenden analogen sowie unkomplizierten Sexakquise (obgleich die Faustregel lautet: Dirty Talk ≠ tatsĂ€chliches Interesse). Konsequenterweise stellt sich unsere rasant voraneilende Gesellschaft diesbezĂŒglich die berechtigte Frage: Weshalb noch kostbare Zeit in langwierige GesprĂ€che, ein aufwendiges Kennenlernen oder sogar kreative Flirts investieren, wenn mit dem einfachen Tausch von PortrĂ€ts in natura auf einen Blick ersichtlich wird, ob ĂŒberhaupt etwaiges Begehren am Aufbau des GegenĂŒbers bestĂŒnde – oder nicht? Denn gewiss zĂ€hlen die obligatorischen inneren Werte, komischerweise gucken wir aber alle als Erstes ganz woanders hin. Wir ErdenbĂŒrger wollen uns zumeist nicht nur geistig lieben, sondern unabhĂ€ngig unserer sexuellen Orientierung auch körperlich vereinen. Und in einer Gemeinschaft, in der Haben und Sein wichtiger denn je erscheinen, auch stolz vorzeigen wollen, mit wem wir uns intim abgeben. Resultat: Die eigentliche zwischenmenschliche Kennenlernphase beginnt erst nach positiv erfolgter optischer Analyse respektive Aussortierung; wenn Gestalt und Ausstattung des anderen den impliziten ideellen AnsprĂŒchen zur GenĂŒge tun. Offenheit ist nicht lĂ€nger etwas, das von Anfang an zwischen Menschen vorsichtig erworben und gelernt werden muss; sie ist initial existent.

Nackte Tatsachen ?

Diese von Ă€lteren JahrgĂ€ngen pauschal mit UnverstĂ€ndnis begegnete Entwicklung vermag in ihrer plump anmutenden PrĂ€senz mannigfaltige, fesselnde Reize zu entfachen. Sie stellt mitnichten den Ausverkauf des spezifischen Leibs dar oder die endgĂŒltige Sexualisierung unserer Generation. Auch nicht den Aufstieg einer neuen „Pornokultur“, wenngleich sich diese Begrifflichkeit als Schlagzeile nur allzu vortrefflich feilbieten lĂ€sst. Nein, in Nudes und Dickpics steckt viel mehr (gnihihi, verzeiht mir diese Formulierung ?): Es ist vielleicht die lang ersehnte Befreiung von Jahrtausenden weilender PrĂŒderie und Scham. Es bedeutet: Seht her, dies bin ich. Ich bin einer von bislang rund 110 Milliarden gelebten und lebenden Homo sapiens auf diesem Planeten [siehe auch]. Ich habe wie alle Vorfahren einen mir gehörenden Körper; ein physisches Ich. Neben meiner selbst entdeckten alle anderen 110 Milliarden Menschen unabhĂ€ngig voneinander ihre Erotik. Lernten die lustvollen VorzĂŒge von Vaginen, Anus und Penissen kennen – und schĂ€tzen. Und lebten ihre sinnliche Lieben doch primĂ€r im Verborgenen aus. Mieden es, ja schĂ€mten sich dafĂŒr, offen BlĂ¶ĂŸe zu zeigen. Blank zu ziehen. Ihre begehrenswertesten und heiß umworbensten Attribute zu prĂ€sentieren. Sie schĂ€mten sich fĂŒr etwas, das – mit wenigen Ausnahmen – alle 110 Milliarden andere Personen gleichfalls besitzen, verwenden und genießen. Das neben eines unermesslich sĂŒĂŸen Quells von Freuden und Ekstasen darĂŒber hinaus dem grundlegenden Fortbestand unserer eigenen Spezies dient.

Annalen der Geschichte ?

Gegebenenfalls gebar sich dieses Gebaren aus unserer sozialevolutionĂ€ren Entwicklung: WĂ€hrend wir im Laufe der Menschwerdung jedweden Bereich unserer gesellschaftlichen Interaktionen zu kultivieren vermochten, nahmen wir wohl mit wachsender Scham zur Kenntnis, dass wir hinsichtlich unserer SexualitĂ€t entgegen allen Fortschritten stets denselben methusalemischen Trieben unterworfen blieben; weswegen wir dieser Tage die einzigen Lebewesen dieses Planeten sind, die sich ihres immanenten Geschlechtslebens scheut. Allerhöchste Eisenbahn, eine lange Zeit destruktiver Verschwiegenheit und Heuchelei auszugleichen: Wohl war, unsere Körper sind mit allen SchwĂ€chen und StĂ€rken das NatĂŒrlichste von der Welt; sie sind wir – und wir sind sie. Mit allen Gliedern und Glidern. Denn wenn wir es recht ĂŒberdenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern.

Die Jugend von heute ?

Und genau hierfĂŒr entwickelt sich justament eine erste besonnene SelbstverstĂ€ndlichkeit. Denn wenn wir, die jungen Geschöpfe, kokette Snaps verschicken, dann sind wir uns im Regelfall dessen bewusst, dass jene einstmals als pikant empfundenen Bilder – sobald der „Senden“-Button betĂ€tigt wurde – fĂŒr den Rest unseres Lebens im Netz und somit auch in den Köpfen anderer Charaktere prĂ€sent sein könnten. Es ist uns bekannt, dass unsere Adams- und EvakostĂŒmierungen hervorgekramt werden, sollten wir dereinst eine Laufbahn auf hoher unternehmerischer, kĂŒnstlerischer oder politischer BĂŒhne einschlagen. Es ist fĂŒr uns ersichtlich, dass unsere eigenen Nachkommen und auch gegenwĂ€rtigen Verwandten und Kollegen jederzeit auf besagtes Bildmaterial stoßen dĂŒrften. Wir wissen, dass jedwedes Foto und Video unserer selbst – unabhĂ€ngig vom Nude- oder Dickpicdasein – steter Begleiter unserer verbleibenden Erdenzeit sein wird. Was einmal veröffentlicht wurde, ist fĂŒr alle Zeiten frei zugĂ€nglich und nicht mehr entfernbar. Wir stellen uns wohlweislich den Folgen einer unreflektierten psychischen SelbstentblĂ¶ĂŸung in dem puren Bestreben, zu einer authentischen Selbsterkenntnis zu gelangen. Denn wir sind mit all diesen Fakten und damit mit uns selbst im Einklang. Wie vermögen hierauf angesprochen zwar durchaus verlegen, letztendlich jedoch selbstĂŒberzeugt und stolz zu kontern: „Korrekt, diese hĂŒllenlosen Nahaufnahmen stammen von mir, gut erkannt. Das ist in der Tat mein nackter Körper. Das ist mein Penis. Das bin ich. In meiner ganzen unvollkommenen, laienhaften und damit authentischen Pracht. So deal with it! ?… Oder willst du am Ende womöglich noch mehr davon sehen?“

4 Kommentare

  1. đŸ€­
    Daniel

    Wow, das sind sehr tiefe und lesenswerte Gedanken zum heutigen Umgang mit Bildern des eigenen nackten Körpers. Ich habe beim Lesen sehr hĂ€ufig zustimmend genickt. Danke, dass du das so schön formuliert hast. Ich selbst schrecke eher davor zurĂŒck, Bilder von mir zu machen, auf denen man sowohl Gesicht als auch die privateren Stellen sieht – eines von beiden muss meist reichen. Man weiß ja nie, wo die Bilder einmal landen. Allerdings sehe ich die Problemzonen meines Körpers als relativ zahlreich an, sodass ich ohnehin dem geschickt gewĂ€hlten Bildausschnitt den Vorzug gebe.

    Ach ja, die Frage im letzten Satz wĂŒrde ich durchaus mit „ja“ beantworten wollen – du siehst meines Erachtens nĂ€mlich sehr gut aus 🙂

    mode_commentAntworten
    • star_rate
      Krony

      Huhu Daniel,

      vielen Dank fĂŒr deine netten Worte. Selbstredend steht es jedem frei, selbst darĂŒber zu entscheiden, Bilder des eigenen Körpers mit Freunden oder gar der Allgemeinheit zu teilen – oder eben nicht. Beides birgt Verlockungen wie auch Risiken, welche durchaus bedacht werden sollten; ja mĂŒssten. Indes: Niemanden entsteht ein Schaden, wenn du bewusst auf das Teilen ebensolcher Inhalte verzichtest; und es wĂ€re töricht, dies ausschließlich aus GrĂŒnden des Gruppenzwangs oder Überredungen zu tun – wie es ja bereits des Öfteren vorkam. In diesem Sinne: Hochachtung vor deiner reflektierten Entscheidung.

      Ob der eigene Körper hingegen ĂŒberhaupt teilenswerter Natur ist oder nicht, resultiert einzig aus subjektiven Betrachtungsaspekten. Zufrieden mit dem physischen Ich sind meiner bisherigen Erfahrung nach die Wenigsten; es gibt hieran immer etwas auszusetzen – sowohl auf niedrigem, als auch hohem Niveau. So ging und geht es auch meiner Wenigkeit in Anbetracht meines Körpers (wie gesagt, sehr subjektiv, diese Meinung); jedoch: Ich lernte zu akzeptieren, dass ich eben so bin, wie ich bin, und hieran allenfalls Rahmenbedingungen zu verĂ€ndern vermag. Weswegen ich zwischenzeitlich endlich zu mir selber stehe und mir denke: „Joah, bin zwar nicht perfekt, aber wuppe – so bin ich halt!“ ??

      Und was die letzte Frage angeht: Scheue dich nicht, Kontakt aufzunehmen; gerne auch abseits initialen Bildertauschens ?

      Nackte GrĂŒĂŸe, Krony

      mode_commentAntworten
  2. đŸ€”
    Jonas

    Hey hab echt Lust paar Bilder zu schicken

    mode_commentAntworten
  3. 😐
    Thomas

    Schick mir pics

    mode_commentAntworten

Kommentieren Antworten close

Mit Absenden des Kommentares werden deine Nachricht, dein gewÀhlter Name sowie der aktuelle Zeitpunkt gespeichert. Mehr nicht. Keine IP-Adresse, keine E-Mail-Adresse, keine Cookies.