Kampf dem Virus: Vietnams Hand Washing-Song

Kampf dem Virus: Vietnams Hand Washing-Song

WĂ€hrend westliche LĂ€nder den Ernst der Covid-19-Pandemie bis MĂ€rz 2020 unwissentlich wie wissentlich ausblendeten und in Lethargie verfielen, reagierte die vietnamesische Regierung bereits Mitte Dezember 2019 auf erste Hinweise ob eines neuen Virus im Nachbarland China, beschloss Schutzmaßnahmen wie verstĂ€rkte Grenzkontrollen und Patrouillen und setzte das Gesundheitswesen sowie das MilitĂ€r in erhöhte Alarmbereitschaft. Nach Auftreten erster CoronafĂ€lle Ende Januar 2020 schloss Vietnam ab Februar 2020 prophylaktisch alle Schulen und UniversitĂ€ten des Landes fĂŒr etwas ĂŒber zwei Monate und konstruierte mehr oder minder ĂŒber Nacht 68 MilitĂ€rkrankenhĂ€user mit einer KapazitĂ€t von 40.000 Notfallbetten – bei zweistelligen Gesamtfallzahlen. Von Beginn an galt es, die Gesundheit und somit das Leben der rund 100 Millionen BĂŒrger zu schĂŒtzen, da das vietnamesische Gesundheitssystem einer außer Kontrolle geratenden Pandemie mitnichten gewachsen war und ist. Das Motto lautet seither: Eine Wirtschaft kann erneuert werden, Menschenleben indes nicht.

Kurz darauf folgten weitreichende Einreiseverbote, seit MĂ€rz 2020 dĂŒrfen ausschließlich StaatsbĂŒrger, unentbehrliche Experten der hiesigen Wirtschaft, Investoren sowie Diplomaten einreisen – jeweils inklusive 14-tĂ€giger verpflichtender QuarantĂ€neaufenthalte in kostengĂŒnstigen MilitĂ€rcamps oder per merklich teuerer Hotelisolation. Ebenfalls Anfang MĂ€rz 2020 erschien mit NCOVI eine erste Corona-App des Bộ Y táșż (Ministry of Health), in der die aktuelle Lage im Land und in der Welt sowie Corona-Hotspots in der nĂ€heren Umgebung eingesehen werden können und tĂ€glich verpflichtend der eigene Gesundheitszustand sowie VerdachtsfĂ€lle im Umfeld gemeldet werden mĂŒssen. Gesagt, befolgt – binnen einer Woche erklomm NCOVI die lokalen App-Charts. Und bereits im April 2020 folgte dann mit Bluezone die offizielle Contact Tracing-App des Bộ ThĂŽng tin vĂ  Truyền thĂŽng (Ministry of Information and Communications).

Kampf dem Virus

Die vietnamesische Regierung erklĂ€rte dem Virus öffentlich den Krieg und lanciere eine einzigartige AufklĂ€rungskampagne ĂŒber alle KanĂ€le hinweg: Sie schaltete in sozialen Netzwerken Anzeigen, versandt an jede registrierte Mobilfunknummer im Lande SMS und Nachrichten via Zalo – des vietnamesischen WeChat-Pedanten – flutete YouTube, Fernsehen und Radio mit einer schier endlos anmutenden Folge von Hygienetipps und brachte an öffentlichen PlĂ€tzen und Straßen großflĂ€chige Informationsplakate mit Sieges- und Durchhalteparolen an.

Und wĂ€hrend in westlichen LĂ€ndern nach wie vor Grillen zirpten, wagte das Ministry of Health in Zusammenarbeit mit den gleichermaßen bekannten wie beliebten jungen Star-Interpreten KháșŻc HÆ°ng, Min und Erik den nĂ€chsten großen Wurf und servierte ebenfalls im MĂ€rz den „Hand Washing-Song“. Eine zum Mittanzen einladende musikalische Propagandaschöpfung, die der Information und AufklĂ€rung der BĂŒrger hinsichtlich PrĂ€ventiv- und Hygienemaßnahmen dient und binnen kĂŒrzester Zeit die (YouTube & Zing MP3) Charts des Landes eroberte. Maximale Wirkung durch minimalem Einsatz: Der Hand Washing-Song war und ist allgegenwĂ€rtig, er lĂ€uft in Einkaufszentren, Pharmacies, FahrstĂŒhlen, Convenience Stores und Restaurants rauf und runter. Damit einhergehend trendete auf Facebook, Zalo, TikTok und YouTube der #HandWashingDance, der (Ă€hnlich wie die Ice Bucket-Challenge anno 2014) landesweit viral ging, bei Jung und Alt beflissen Nachahmung und damit sogar ErwĂ€hnung in der US-Amerikanischen Sendung Last Week Tonight mit John Oliver fand (worauf Vietnam wiederum so stolz war, dass ĂŒber diese Berichterstattung ebenfalls Bericht erstattet wurde). Plötzlich war das Virus im alltĂ€glichen Leben omniprĂ€sent und wurde als nur mit UnterstĂŒtzung jedes Einzelnen besiegbare Bedrohung wahrgenommen. Miteinander statt gegeneinander; Masken und Abstand galten fortan auch abseits des Straßenverkehrs als Zeichen des gegenseitigen Respekts und der RĂŒcksichtnahme, als marginale Verhaltensanpassung fĂŒr das Wohl aller und damit jedes Einzelnen. Coronaleugnung und Covidiotie? Fiel dem Gros der Bevölkerung nicht einmal im Rausche ein, abgesehen davon steht die Weiterverbreitung von Verschwörungsmythen unter Strafe.

All das wurde mit UnterstĂŒtzung oder gar nur wegen dieses Liedes ins Rollen gebracht. Eines fĂŒr mit der hiesigen MentalitĂ€t nicht bewanderten Menschen sonderbar, mitunter skurril bis abstrus anmutenden Songs, der sich in GehörgĂ€ngen einnistet und HĂŒften unvermutet kreisen lĂ€sst:


Ghen CĂŽ Vy alias „Hand Washing-Song“


Die Covid-19-Hymne

Der Hand Washing-Song schlug dermaßen erfolgreich ein, dass nebst diversen Remixes sogar eine englischsprachige Version fĂŒr das internationale Publikum nachproduziert wurde – mit dem einzigen inhaltlichen Unterschied, dass in dieser AusfĂŒhrung der Seitenhieb auf Wuhan als vermuteter Ausgangspunkt der Covid-19-Pandemie fehlt. Nun, unabhĂ€ngig zwischenzeiliger politischer Statements erschien eine mediale AufklĂ€rungskampagne Ă  la Hand Washing-Songs von offizieller Seite im Deutschland des Jahres 2021 utopisch, es mangelte sowohl an kreativen Ideen, an musikalischer Kompetenz und allem zuvörderst am tieferen VerstĂ€ndnis der angepeilten jĂŒngeren Zielgruppe. Jedweder Versuch des deutschen Bundesministerium fĂŒr Gesundheit in diese Richtung endete vermutlich in einem tragischen Desaster aus Peinlichkeit und Fremdscham, was auch dem gravierenden Altersunterschied der Bevölkerung beider Staaten geschuldet sein gedurft hĂ€tte. Gegenteilige Darlegungen sind herzlich willkommen.

In Vietnams Pop-Kultur indes ist der Hand Washing-Song angekommen, um zu bleiben. Er wird mutmaßlich Monate bis Jahre hinweg integraler Bestandteil unseres turbulenten Alltags sein und uns in ferner Zukunft beim neuerlichen Anhören als historische Hymne der Covid-19-Pandemie gleichwohl heimelige wie eisige Schauer ĂŒber den RĂŒcken jagen. What a time to be alive 🩠

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