Durchgespielt: Ion Fury

Durchgespielt: Ion Fury

Rund 21 Stunden Lebenszeit wurden in Ion Fury, einem launigen First-person-Shooter von Voidpoint auf Basis der dezent betagten Build-Engine von Ken Silverman aus dem Jahre 1995 versenkt. Einem brandneuen Spiel basierend auf einer Codebase, die vor 25 Jahren dem modernen Shootergenre mit Legenden wie Duke Nukem 3D oder Shadow Warrior den Weg bereitete. Und Ion Fury ist (respektive war, denn es erschien 2019) nach über 20 Jahren das erste neu entwickelte Spiel, welches auf diese alte Engine zurückgriff. Eine gewagte Entscheidung.

Ionduke Furynukem 3D

Ion Fury schöpft aus dem Vollen der Build-Engine und strotzt daher nur so vor Retro-Charme: Fassen wir unrühmlicherweise in eine Steckdose, resultiert dies nebst kurzem Bitzeln im Abzug eines wertvollen Lebenspunktes. Schalten wir nach Belieben Lichtschalter an- und aus, hüllen wir Räume entsprechend wahlweise in gleißendes Licht oder finstere Düsternis. Steh- und Schreibtischlampen können an- und ausgeknipst, Mikrowellen benutzt (inklusive Hamster-Easter Egg), Pissoirs gespült, Handtrockner aktiviert und Kühlschränke geplündert werden. Wandbilder fallen bei unsachgemäßer Behandlung (Granatenexplosion) splitternd zu Boden, Bildschirme und sonstiges technisches Dingsbums zerspratzt und zerdellt bei Beschuss, Getränkeautomaten spucken nach Münzeinwurf heilende Coladosen aus und Spiegel reflektieren tatsächlich die gesamte Umgebung samt aller Items und Figuren (obgleich bei Letzteren keine echte Spiegelung berechnet, sondern der gesamte sichtbare Levelausschnitt als gespiegelte Kopie zusätzlich geladen und gerendert wird, ein damals wie heute beeindruckender Kniff). Sprich, Ion Fury fährt uns all die technischen Geschosse auf, die es schon zu Zeiten von Duke Nukem 3D gab.


Ion Fury Launch Trailer


Alter vor Schönheit

Dazu gehören selbstredend auch pixelige Texturen, handgezeichnete Porträts und allerlei Gegner, die als hübsch animierte 2D-Sprites ihr Unwesen treiben und die wir in unserem Kugelhagel mit fleischigen Splattereffekten feinst zerstäuben. Items wie Munition, Medipacks sowie allerlei alltäglicher Krempel wie Gläser, Vasen, Möbel und Speisen hingegen bestehen aus bis ins kleinste Detail modellierten Voxeln. Untermalt wird diese Retrowelt mit einem intensiven Synthie-Soundtrack (zu genießen via SoundCloud), der direkt aus dem letzten Jahrtausend stammen könnte – und uns eilend durch das teils verworrene Leveldesign, das sich über alle 3 Dimensionen hinweg erstreckt und bar jedweder Logik auf puren Spielspaß ausgelegt ist, sausen lässt.

Jedweder Logik agiert auch die KI, welche wie damals bei Sichtkontakt stupide (doch treffsicher) losballert, uns ohne Wegfindung im Stechschritt linear entgegenläuft, dabei gerne an Ecken und Kanten hängen bleibt und selbst zum Öffnen einfachster Türen zu dusselig ist. Doch wie erwähnt ist sie treffsicher, äußerst treffsicher sogar – und vermag uns in Kombination mit zigfachen Lebenspunkten besonders auf den höheren Schwierigkeitsgraden durchaus zu fordern – ein Hoch auf die stets in greifbarer Nähe lauernden Quicksave- und Quickload-Tasten.

Wie passend, dass Ion Fury ein kleines, doch feines Arsenal schlagkräftiger Schießeisen auffährt, um auch dem garstigsten Kontrahenten den Garaus zu machen. Elektroknüppel, Revolver (liebevoll „Loverboy“ genannt, da stählern, hart und scharf schießend, verstehen schon), Shotgun, Granatenwerfer, Submachinegun (aka „Der Penetrator), Ionen-Armbrust, Gattling, Minen und Bowling-Bomben; alles in allem also handelsübliche Wummen, die der Abwechslung halber indes jeweils mit einem sekundären Feuermodus versehen sind. Abstruse Kracheisen wie die renommierte Schrumpfkanone aus Duke Nukem 3D suchen wir hier jedoch vergebens.

Über Stock und Gebein

Sei es darum, das Leveldesign bringt die nötige Abwechslung ins Spiel – nun, zumindest teilweise: Die 30 verschiedenen Level der Kampagnen (exklusive Bonuslevel) führen uns durch Büros und Geschäfte, über Hochhausdächer und durch Straßenschluchten, in Einkaufszentren und Militärbasen und durch Forschungskomplexe und Bunkeranlagen. Es ist von allem etwas dabei. Manche der Level muten arg detailverliebt und vielgestaltig an, dank quietschbunter Reklametafeln, illustrem Interieur, kurzweiliger Rätsel und der einen oder anderen nervenaufreibenden Sprungpassage. Andere wiederum warten lediglich mit schlauchigen, ja grenzwertig-drögen U-Bahn-Korridoren (grau und düster), Abwasserkanälen (braun und düster), Rohren (grün und düster) und sonstigen Stollen und Höhlen (zur Abwechslung grau und düster) auf. Dementgegen schön ist, dass es in jedem Level allerlei geheime Passagen zu entdecken gilt, reichlich befüllt mit zusätzlicher Munition und dem einen oder anderen Easter Egg aus Film- und Spielkultur. Was dazu führt, dass wir binnen kürzester Zeit das altbekannte Muster des Wändeentlanghüpfens-und-auf-die-Benutzen-Taste-Trommelns wieder aufleben lassen, die Altvordern werden sich erinnern.

Eine leere Hülse

All dies ist eingebettet in eine fulminante, verzweigte Erzählung mit vielen emotionalen Höhepunkten, schwerwiegenden Entscheidungen sowie Momenten der Stille und Trauer …

Bwahahahaha, Geschichte! Ion Fury und Story! Von wegen. Nope, Ion Fury spielt in Neo DC, einer dystopischen Stadt, die in einigen wenigen Momenten durchaus vage an Cyberpunk 2077 erinnern könnte, nur eben als aus dem letzten Jahrtausend stammende Version. Wir spielen Shelly Harrison (Spitzname „Bombshell“), die für die Global Defence Force dem größenwahnsinnigen, transhumanistischen Sektenführer Dr. Jadus Heskel, welcher mit kybernetischem Getier die Weltherrschaft ergreifen will, das Handwerk legen soll. Und hierbei hinsichtlich Bärbeißigkeit, Haudrauf-Mentalität und nonchalanter Sprüche ganz in die Fußstapfen von Duke Nukem tritt. Und genauso wie anno 1995 gilt es in Ion Fury auch, sich von der Eingangstür eines Levels bis zur Exit-Türe durchzuschnetzeln und -spratzen und farbige Keycards zu sammeln, um mit diesen gleichfarbige Türen aufzuschließen. Kurzum, Ion Fury verspricht ein Spiel der alten Schule zu sein und löst dieses Versprechen hundertprozentig ein.

Resümee

Und dies ist Ion Furys größte Stärke wie auch Schwäche zugleich. Stärke, da es massig Laune bereitet, sich flink wie ein Wiesel über Hindernisse und durch Gegnerhorden hindurch zu bewegen, unentwegt Blei zu pissen, alle Winkel der Level hinreichend zu erkunden, deren anachronistische Gestaltung zu würdigen und sich am heimeligen Gefühl der 90er-Nostalgie zu ergötzen. Und Schwäche, da Ion Fury nebst besagter Stärken eigentlich nur wenig mehr zu bieten hat. Es misst jedwede Entwicklung der vergangenen 25 Jahre hinsichtlich Spielmechaniken, Storytelling, Charakterentwicklung, Atmosphäre, Rätseldesign, künstliche Intelligenz und vielem mehr. Ion Fury ist ein Urgestein, ein barbärtiges Spiel, dessen Gegenwart weit in der Vergangenheit angesiedelt und dessen Alleinstellungsmerkmal in diesem zeitlichen Kontext betrachtet lediglich die Tatsache ist, dass es in der Zukunft entwickelt wurde. Und höhere Auflösungen sowie bei Erwerb via Steam diverse Achievements unterstützt.

Für Zeitzeugen der 90er-Jahre mag Ion Fury einem nostalgischen Trip durch vergangene Tage, Gefühle und Praktiken gleichen; jüngeren Spielern hingegen mutmaßlich nur einem skurrilen, interaktiven Ausflug in die Frühgeschichte der Ego-Shooter, ein virtueller Museumsbesuch, seltsam anmutend, verwirrend und inhaltlich unnötig diffizil. Prädikat „schnieke für Fans, andernfalls Geschmackssache“.


Eckdaten zu Ion Fury

Subjektive Wertung:
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Entwickler:
Voidpoint
Publisher:
3D Realms
Erstveröffentlichung (Steam):
15. August 2019
Genre:
First-person-Shooter
Website:
http://www.ionfury.com/

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