Biographie

Saddam Hussein, eigentlich áčąaddām កusain ÊżAbd al-Maǧīd al-TikrÄ«tÄ«, wurde am 28. April 1937 in al-Audscha bei Tikrit in einer Bauernfamilie geboren. Die uneheliche Schwangerschaft seiner Mutter galt als Schande.

Den Beinamen Saddam, der Standhafte, erhĂ€lt er, weil es seiner Mutter nicht gelang, ihn zu “verlieren“. Subha Talfah war außerehelich mit Saddam schwanger geworden. Sie versuchte das unerwĂŒnschte Kind durch extrem harte körperliche Arbeit abzutreiben. Der Kindesvater starb, noch bevor Saddam zur Welt kam.

Als seine Mutter neun Jahre spĂ€ter einen Mann namens Ibrahim al-Hasan heiratete, gab sie den jungen Saddam zu seinem Onkel Khairallah Talfah, dem Offizier einer irakischen Einheit, die einen Aufstand gegen König Faisal II. im Jahr 1941 geplant hatte. Der Onkel hatte infolge dieses Aufstandes eine mehrjĂ€hrige GefĂ€ngnisstrafe verbĂŒĂŸt.

1955 zog Saddam mit seinem Onkel in die Hauptstadt Bagdad. Ihm wurde dort Khairallah Talfahs Àlteste Tochter Sadschida versprochen. Er besuchte die al-Karch-Schule und absolvierte das Abitur auf einem Gymnasium in Bagdad mit guter Note. Mit neunzehn Jahren beging Saddam im Auftrag des Al-Bu-Nasir-Stamms, dem er und sein Onkel angehörten, einen Mord an einem entfernten, rivalisierenden Onkel namens Saadi.

Politischer Aufstieg

Saddam trat 1956 der damals noch verbotenen BaÊżth-Partei bei und nahm 1957 an einem erfolglosen Putschversuch gegen den irakischen König Faisal II. teil. 1958 unterstĂŒtzte er eine weitere von General Abd al-Karim Qasim gefĂŒhrte Gruppe. In der Folge eines misslungenen Attentats auf Premierminister Qasim 1959 war Saddam gezwungen, ĂŒber Syrien nach Ägypten zu fliehen. Er wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Der amtierende Chef der BaÊżth-Partei, Fuad ar-Rikabi, wurde wegen des fehlgeschlagenen Attentats durch einen entfernten Verwandten Saddam Husseins, Madschid, ersetzt.

Sein Studium an der juristischen FakultĂ€t der UniversitĂ€t Kairo brach er ergebnislos ab und kehrte am 8. Februar 1963 nach dem blutigen Putsch der BaÊżth-Partei in den Irak zurĂŒck. Nach dem Machtwechsel (Ramadan-Revolte) wurde er 1964 zu einer GefĂ€ngnisstrafe verurteilt, floh aber mit Hilfe Tahir Yahyas 1967.

1968 unterstĂŒtzte er einen erfolgreichen Staatsstreich von BaÊżth-Partei und Armee.

Als die BaÊżth-Partei 1968 im Irak an die Macht kam, wurde Saddam in der neuen Regierung stellvertretender GeneralsekretĂ€r des RevolutionĂ€ren Kommandorates sowie Chef des Ministeriums fĂŒr Staatssicherheit und des Propagandaministeriums. 1969 wurde er VizeprĂ€sident.

Am 1. Juni 1972 leitete er die Verstaatlichung westlicher Ölfirmen ein, die ein Ölmonopol im Irak hatten. Mit den Öleinnahmen entwickelte er das Land zu einer regionalen militĂ€rischen Großmacht. Die Einnahmen aus dem Ölverkauf sorgten aber auch fĂŒr den Wohlstand breiterer Bevölkerungsschichten.

Am 1. Juli 1973 wurde er vom Revolutionsrat zum Drei-Sterne-General der irakischen StreitkrÀfte ernannt. SpÀter ernannte er sich selbst zum Feldmarschall.

Am 6. MĂ€rz 1975 schloss er als VizeprĂ€sident mit dem iranischen Schah Mohammad Reza Pahlavi das Abkommen von Algier ĂŒber den Grenzverlauf im Schatt al-Arab und die gegenseitige Nichteinmischung in innere Angelegenheiten.

Ernennung zum Regierungschef

1979 ernannte PrĂ€sident Ahmad Hasan al-Bakr Saddam im Alter von 42 Jahren zum Vorsitzenden der Partei und zu seinem Nachfolger. Am 11. Juli 1979 wurde er GeneralsekretĂ€r der BaÊżth-Partei, und am 16. Juli 1979 ĂŒbernahm er die Macht als Staats- und Regierungschef. In dieser Position diffamierte Saddam öffentlich Mitglieder der BaÊżth-Partei, woraufhin sie ohne Prozess zum Tode verurteilt und sofort liquidiert wurden. Andere Mitglieder der Partei wurden durch dieses Exempel auf die Linie Saddams eingeschworen. Saddam verhinderte so auch den geplanten Zusammenschluss mit dem ebenfalls baÊżthistischen Regime Syriens.

Dennoch war Saddam Husseins AutoritĂ€t noch eingeschrĂ€nkt. Nach dem Tausch seines Amtes mit al-Bakr blieb dieser faktisch VizeprĂ€sident bis zu seinem Tode im April 1982. Saddam Hussein nutzte diese erste ZĂ€sur einer Machterweiterung bereits im Juli zu einem folgentrĂ€chtigen Alleingang: Er gab den RĂŒckzugsbefehl fĂŒr die irakischen Truppen in einer entscheidenden Phase des Golfkrieges gegen den Iran. Die zweite ZĂ€sur war 1989. Mit dem Tod des BaÊżth-Partei-GrĂŒnders und VizeprĂ€sidenten Michel Aflaq und dem Tod des als Kriegsminister im Golfkrieg populĂ€r gewordenen Chairallah Talfah durch einen unaufgeklĂ€rten Hubschrauberabsturz im gleichen Jahr gab es keine rivalisierende moralische AutoritĂ€t mehr außer dem PrĂ€sidenten, die seine Entscheidung zum Krieg gegen Kuwait hĂ€tte beeinflussen können.

Saddam pflegte, sich “al-Kaid al-Daruri” (unersetzlicher FĂŒhrer) nennen zu lassen. Er sah sich als tatsĂ€chlicher Nachfolger des Königs von Babylon und BegrĂŒnders des neubabylonischen Reiches Nebukadnezars II.

Erster Golfkrieg

Etwa ein Jahr nach der Revolution im Iran gegen den prowestlichen Mohammad Reza Pahlavi kĂŒndigte Saddam Hussein am 17. September 1980 das Abkommen von Algier, welches zuvor auch der Iran als nicht mehr bindend erklĂ€rt hatte. Der Irak verweigerte daraufhin die RĂ€umung der 1975 abgetretenen Grenzgebiete, die seit dem 4. August unter iranischem Beschuss lagen. Am 22. September 1980 befahl Saddam der irakischen Armee, den Iran mit neun von insgesamt zwölf Divisionen auf einer 600 km breiten Front anzugreifen. Dies bildete den Auftakt fĂŒr den fast acht Jahre dauernden Ersten Golfkrieg.

Dabei spielten auch verschiedene westliche Staaten eine fĂŒhrende Rolle, die den Irak wegen der drohenden Niederlage gegen den Iran massiv unterstĂŒtzten, wie z. B. Frankreich und Deutschland als RĂŒstungsexporteure und Lieferanten fĂŒr Kernreaktoren sowie Chemieanlagen (Pestizide und Giftgas). HauptunterstĂŒtzer des Iraks waren die Sowjetunion, Frankreich und die Volksrepublik China, die allerdings auch den Iran belieferte. Die Vereinigten Staaten (USA) gehörten bezĂŒglich des Volumens der Waffenlieferungen eher zur zweiten Riege. Allerdings belieferte auch Washington beide Seiten. Auf einer vom Stockholmer SIPRI-Institut erstellten Übersicht folgen die USA erst an elfter Stelle.

Eine besondere Bedeutung hatten weiterhin die sunnitischen bzw. wahabitischen Golfstaaten als Kreditgeber und Finanziers des ersten Golfkrieges. Das Unvermögen, die Kredite zurĂŒckzuzahlen, wird allgemein als einer der GrĂŒnde fĂŒr die versuchte Annektierung Kuwaits durch den Irak betrachtet. WĂ€hrend des Krieges ließen Hunderttausende ihr Leben, allein durch Saddam Husseins GiftgaseinsĂ€tze mehrere tausend Menschen. Sehr kritisch betrachtet werden Vermutungen, denen zufolge der US-Geheimdienst dem Irak Satellitenbilder der iranischen Stellungen zur VerfĂŒgung stellte sowie die ZurĂŒckhaltung bzw. teilweise stillschweigende Billigung eines Großteils der Staatengemeinschaft.

Um die NeutralitĂ€t der schiitischen Bevölkerungsmehrheit Iraks im Krieg gegen den Iran zu sichern, trat Saddam Hussein 1981 im Beisein des damaligen Großajatollahs Abul-Qassim al-Khoi formal zur Schia ĂŒber.

Am 16. MĂ€rz 1988 wurde die kurdische Stadt Helepçe (arab. Halabdscha) von der irakischen Luftwaffe mit Giftgas angegriffen, wobei etwa 5000 Zivilisten zu Tode kamen. Im Gegensatz zu frĂŒheren EinsĂ€tzen von Giftgas wurde der Giftgasangriff auf Helepçe von der westlichen Presse mit Entsetzen und Empörung zur Kenntnis genommen. Staatliche Seiten verhielten sich weiterhin zurĂŒckhaltend.

Waffenstillstand

Am 18. Juli 1988 willigte der Iran in die Waffenstillstandsbedingungen der UN-Resolution 598 ein, die Saddam Hussein bereits zuvor akzeptiert hatte. Ajatollah Chomeini kommentierte dies mit dem Zusatz “bitterer als Gift“. Am 8. August 1988 wurde ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen, das am 20. August 1988 in Kraft trat. Zum Abschluss eines Friedensvertrages ist es seither nicht gekommen.

Am 2. August 1990, zwei Jahre nach dem Waffenstillstand, ließ Saddam Hussein Kuwait mit der Behauptung besetzen, es wĂŒrde illegal Ölfelder des Irak anzapfen. Die Besetzung erfolgte, nachdem Kuwait die Ölfördermenge erhöht und die Ölpreise gesenkt hatte. Der Irak hatte starke Interessen an einem lukrativen ÖlgeschĂ€ft, zumal das Land sich im Wiederaufbau nach dem ersten Golfkrieg befand.

Im Zweiten Golfkrieg wurde die irakische Armee Anfang 1991 durch die von den USA gefĂŒhrte Koalition fast vollstĂ€ndig geschlagen. Ein bereits begonnenes VorrĂŒcken amerikanischer VerbĂ€nde Richtung Bagdad wurde eingestellt, da der Auftrag der UN-Resolution, die nur die Befreiung Kuwaits, aber nicht einen Regimewechsel des Iraks vorsah, erfĂŒllt war und die VerbĂŒndeten der USA nicht gewillt waren, weitergehende Maßnahmen mitzutragen. Der von westlichen KrĂ€ften ermutigte Aufstand der Schiiten im sĂŒdlichen Irak gegen Saddam Hussein wurde durch die militĂ€risch immer noch ĂŒberlegenen irakischen Regierungstruppen trotz Einrichtung einer Flugverbotszone brutal niedergeschlagen.

Saddam Hussein ĂŒberlebte zahlreiche Putschversuche und Attentate, auch von auslĂ€ndischen Geheimdiensten.

Saddam, der “nette” Diktator

Er förderte aktiv die Modernisierung der irakischen Wirtschaft und den Aufbau von Industrie, Verwaltung und Polizei. Saddam leitete den Aufbau des irakischen Landes, die Mechanisierung der Landwirtschaft und die Bodenreform sowie die Volksbildung, des Weiteren förderte er eine vollstĂ€ndige Neuentwicklung der Energiewirtschaft, des öffentlichen Dienstes sowie Transport und Erziehung. Unter seiner Herrschaft begann eine nationale Alphabetisierungskampagne und die allgemeine Schulpflicht wurde eingefĂŒhrt. Vor 1990 stieg die Alphabetisierungsrate bei MĂ€dchen auf ĂŒber 90 Prozent, nach der Zerstörung von Schulen in den beiden Golfkriegen von 1991 und 2003 sank sie wieder auf 24 Prozent, so die UNESCO.

Seit dem 29. Mai 1994 war Saddam wieder Premierminister, nachdem er nach dem Ende des Golfkriegs 1991 diesen Posten zwischenzeitlich aufgab. Zudem bekleidete er das Amt des Vorsitzenden der BaÊżth-Partei und war Oberkommandierender der Armee. Im Oktober 1995 ließ er sich ohne Gegenkandidaten mit 97 % der abgegebenen Stimmen auch offiziell zum PrĂ€sidenten wĂ€hlen. Die Gratulation durch den ehemaligen StaatsprĂ€sidenten Abd ar-Rahman Arif verlieh dieser “Wahl“einen beinahe legitimen Anstrich.

1995 flĂŒchteten Saddams Schwiegersöhne sowie der Geheimdienstchef und dessen Bruder wegen Meinungsverschiedenheiten nach Jordanien. Angeblich durch Saddam begnadigt, kehrten sie in den Irak zurĂŒck, wo sie im Februar 1996 inhaftiert und hingerichtet wurden.

Die Vereinten Nationen hatten seit dem Golfkrieg ein ununterbrochenes Handelsembargo ĂŒber das Land verhĂ€ngt. 1996 akzeptierte das irakische Parlament den “Oil-for-Food“-Plan des UNO-Sicherheitsrates, der dem Irak den Verkauf begrenzter Mengen Erdöls ermöglichte, um dringende humanitĂ€re BedĂŒrfnisse zu decken. Im Oktober 2002 wurde Saddam Hussein in einer offensichtlich fingierten Wahl mit fast 100 Prozent der Stimmen als FĂŒhrer des Landes fĂŒr weitere sieben Jahre im Amt bestĂ€tigt.

Versager VS Diktator: Der 2. Golfkrieg

Im Irak-Krieg marschierten Truppen der Vereinigten Staaten und deren VerbĂŒndete am 20. MĂ€rz 2003 in den Irak ein. Die irakische Armee wurde geschlagen, das Land vollstĂ€ndig besetzt. Die USA begrĂŒndeten dies damit, dass der Irak durch Entwicklung und Besitz von Massenvernichtungswaffen gegen die ĂŒber ihn verhĂ€ngten UN-Resolutionen verstoße, und dass Saddam Hussein terroristische Organisationen wie al-Qaida unterstĂŒtze. Beides konnte jedoch durch den Geheimdienstausschuss des US-Senats nicht bewiesen werden. Auf Saddam Hussein und eine Reihe von fĂŒhrenden Angehörigen der Regierung wurde ein Kopfgeld von 25 Millionen US-Dollar ausgesetzt. Nach ihnen wurde auch mittels eines in Umlauf gebrachten Kartenspiels gefahndet, in dem die Gesuchten Karo Ass, Herz König etc. darstellten.

Nach Kriegsende tauchten Tonbandaufnahmen auf, in denen eine mĂ€nnliche Stimme dazu aufrief, “die Invasoren aus unserem Land zu vertreiben“. Es wird als wahrscheinlich angesehen, dass es sich dabei um die Stimme Saddam Husseins handelte.

Seine Söhne Udai und Qusai, die fĂŒr ihre Grausamkeit gefĂŒrchtet waren, kamen am 22. Juli 2003 bei einem US-Angriff auf ihren Unterschlupf in Mosul nach heftigen KĂ€mpfen ums Leben. Sein dritter und jĂŒngster Sohn Ali Saddam ist untergetaucht.

Festnahme

Am 13. Dezember 2003 wurde Saddam Hussein von US-amerikanischen Besatzungstruppen festgenommen. Nach US-amerikanischer Darstellung wurde er nach einem Verrat eines frĂŒheren Gefolgsmannes, eines ehemaligen irakischen Geheimdienstlers, in dem Dorf Dur rund 15 Kilometer von seiner Heimatstadt Tikrit entfernt von amerikanischen Soldaten gefangen genommen. Demnach habe sich der einstmals mĂ€chtigste Mann des Landes zuletzt in einem engen gemauerten Erdloch vor einer Ă€rmlichen HĂŒtte versteckt gehalten. Als die Soldaten das Erdloch mit vorgehaltener Waffe inspizierten, habe sich Saddam Hussein ihnen kampflos und mĂŒde ergeben. Bei ihm soll Bargeld im Wert von etwa 750.000 US-Dollar gefunden worden sein.Der von der US-amerikanischen FĂŒhrung verbreitete Hergang der Festnahme und der konkrete Zeitpunkt wurde durch den Anwalt Saddam Husseins sowie ihn selbst bestritten. Der ehemalige US-Soldat Nadim Abou Rabeh sagte im MĂ€rz 2005, dass die Szene mit dem so genannten Erdloch gestellt worden sei, Saddam Hussein in einem Haus gelebt habe und die US-Soldaten bei der Festnahme auf Widerstand gestoßen seien. In jedem Fall blieb Saddam Hussein bei seiner Ergreifung – anders als seine Söhne – gĂ€nzlich unverletzt und machte einen recht heruntergekommenen Eindruck, wie Fotos wĂ€hrend der ersten Ă€rztlichen Untersuchung nach seiner Inhaftierung belegten.

Saddams IdentitÀt wurde nach US-amerikanischen Angaben durch eine DNA-Probe sowie anhand von ZÀhnen und Narben nachgewiesen. Die offizielle BestÀtigung der Festnahme erfolgte am 14. Dezember 2003 um etwa 13 Uhr MEZ durch den britischen Premierminister Tony Blair und kurz danach in einer Pressekonferenz durch Paul Bremer, den US-amerikanischen Zivilverwalter im Irak.

Der Ex-Diktator wurde im HochsicherheitsgefĂ€ngnis Camp Cropper inhaftiert. Am 10. Januar 2004 gab die US-amerikanische Regierung bekannt, dass er nun offizieller Kriegsgefangener der USA sei. Der Status des Kriegsgefangenen ermöglicht unter anderem, dass unabhĂ€ngige Beobachter und Hilfsorganisationen, z. B. das Rote Kreuz, mit dem Ex-Diktator in Kontakt treten können, um sich von dessen Unversehrtheit und den Haftbedingungen ein Bild machen zu können. Am selben Tag forderte der irakische Regierungsrat die Vereinigten Staaten auf, Saddam als einen Kriminellen der irakischen Justiz zu ĂŒbergeben. Am 30. Juni 2004, zwei Tage nach der offiziellen MachtĂŒbergabe der USA an die irakische Übergangsregierung, wurde Saddam der irakischen Justiz ĂŒbergeben.

Saddam Hussein im Juli 2004

Der gestĂŒrzte Diktator

Ein Sondertribunal beschĂ€ftigte sich mit Saddam Hussein und elf weiteren Politikern und MilitĂ€rs des Iraks. In einer ersten Anhörung ohne Anwalt am 1. Juli 2004, welche – wegen US-Zensur – ĂŒberwiegend ohne Ton im Fernsehen ĂŒbertragen wurde, stritt Saddam jede Schuld ab und erkannte das Tribunal nicht an. Er sah sich weiterhin als PrĂ€sident: “Ich bin Saddam Hussein, der PrĂ€sident des Irak“. Er blieb unter Bewachung der USA. GemĂ€ĂŸ irakischem Recht wurde Saddam Husseins Einmarsch in Kuwait vor dem Tribunal verhandelt. Davon ausgenommen sollte der Überfall auf den Iran 1980 nicht als Angriffskrieg verhandelt werden. Die iranische Regierung beabsichtigte, in Bagdad zu klagen, da Saddam Hussein 1980 den Krieg gegen Iran begonnen und Chemiewaffen eingesetzt habe. Saddam Hussein wurden die in diesen Kriegen verĂŒbten Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt. Laut Human Rights Watch wurden bis zu 290.000 Menschen ermordet.

Die US-Regierung hatte sich sehr bemĂŒht, ein funktionsfĂ€higes Tribunal aufzubauen. Die Ermittlungen wurden laut New York Times vom FBI und einer Einheit des US-Justizministeriums gefĂŒhrt. Die irakischen Juristen erhielten UnterstĂŒtzung von auslĂ€ndischen Experten. Salam Tschalabi, der Gerichtsdirektor, wurde in den USA ausgebildet.

Der KurdenfĂŒhrer und spĂ€tere irakische StaatsprĂ€sident Dschalal Talabani sprach sich gegen die Todesstrafe fĂŒr Saddam Hussein aus. Dennoch zweifelt er nicht an seiner Schuld: Saddam Hussein habe “massakriert” und “unsere StĂ€dte abgebrannt und zerstört.” Der neue Irak, der gerade im Entstehen sei, mĂŒsse deshalb die Rechte der kurdischen Bevölkerung achten: “Wenn der Irak diese Verpflichtung nicht anerkennt, wird das das Ende der irakischen Einheit sein“.

Der Prozess

Der Prozess gegen Saddam Hussein und sieben Mitangeklagte begann am 19. Oktober 2005. In erster Instanz entschied eine Kammer aus fĂŒnf Richtern, wobei zunĂ€chst Richter Raouf Abdul Rahman den Vorsitz hatte, nachdem der ursprĂŒnglich dem Gericht vorsitzende Rizgar Muhammad Amin sein Amt niederlegte. In der Berufung entschieden neun Richter. Das Gericht hatte Jurisdiktion ĂŒber Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen sowie ĂŒber drei weitere aus dem irakischen Recht abgeleitete Verbrechen, unter ihnen etwa die unerlaubte Einmischung in die Justiz, die wĂ€hrend Saddams PrĂ€sidentschaft von 1979 bis zum Beginn der Okkupation durch die Koalitionstruppen 2003 begangen wurden.

Der erste Anklagepunkt vor dem Gericht bestand aus einer Vergeltungstat, die in Folge eines misslungenen Attentats auf Saddam Hussein in der Stadt Dudschail 1982 stattgefunden haben soll. 148 MĂ€nner und Jungen wurden hingerichtet bzw. starben bei “Vernehmungen” durch staatliche Behörden. Die weiteren zwölf geplanten Anklagen reichten vom Giftgasangriff auf Kurden in der so genannten Anfal-Kampagne und dem Angriff auf die Stadt Halabdscha 1988 bis hin zur Tötung zehntausender Schiiten nach deren Aufstand 1991. Das Gericht hatte zudem Anklage gegen Saddam wegen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie Kriegsverbrechen im Rahmen eines internen Konfliktes im Rahmen der Anfal-AktivitĂ€ten erhoben.

Mit Saddam Hussein standen sieben weitere Personen vor Gericht. Unter ihnen waren Taha Yassin Ramadan, Iraks frĂŒherer Vize-PrĂ€sident, Barsan Ibrahim al-Tikriti, ein jĂŒngerer Halbbruder Saddams und gleichzeitig ehemaliger Direktor des Sicherheitsdienstes Mukhabarat sowie Awad al-Bandar, frĂŒherer Vorsitzender des “Revolutionsgerichtshofs“, der unter anderem fĂŒr die Todesurteile in Dudschail zustĂ€ndig war.

Blut und Morde

Nachdem zwei Verteidiger von Saddams Mitangeklagten AnschlĂ€gen zum Opfer fielen, ein Mordkomplott gegen den Ermittlungsrichter Dschuhi aufgedeckt sowie ein Anschlag auf das GerichtsgebĂ€ude vereitelt wurde und einige Verteidiger sich aus diesem Grund zurĂŒckzogen, wurde vom damaligen Vorsitzenden Amin die Verlegung des Prozesses in die weniger instabilen kurdischen Regionen erwogen. Der Prozess wurde allerdings weiterhin in Bagdad gefĂŒhrt. Der US-amerikanische Anwalt Ramsey Clark, frĂŒherer US-Justizminister und prominenter Gegner des Irak-Kriegs, gehörte ebenfalls zu dem Team, das Saddam im Prozess verteidigte. Er hatte schon Slobodan MiloĆĄević verteidigt. Ein weiterer Anwalt Saddam Husseins, Najib al-Nawimi, ehemaliger katarischer Justizminister, versuchte die LegitimitĂ€t des Gerichts anzuzweifeln, da große Teile seines Statuts wĂ€hrend der Besetzung durch die USA geschrieben worden seien.

In Bagdad wurde der Prozess unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen abgehalten. Zeugen gegen Saddam Hussein wurde AnonymitĂ€t aufgrund der Furcht vor AnschlĂ€gen zugestanden. Der Prozess wird von AnhĂ€ngern Saddam Husseins und US-kritischen Stimmen als “Schauprozess” und als “Siegerjustiz” interpretiert. Menschenrechtsorganisationen zweifeln an der rechtmĂ€ĂŸigen Einsetzung des Tribunals. Human Rights Watch betonte zudem, die Rechte der Angeklagten wĂŒrden beschnitten. Ein Menschenrechtsbeobachter der Vereinten Nationen erklĂ€rte, das Gericht werde internationalen Standards fĂŒr solche Verfahren nicht gerecht. Saddam Hussein begann am 7. Juli einen Hungerstreik, um gegen die mangelhafte Sicherheit fĂŒr seine AnwĂ€lte zu protestieren. Ab dem 23. Juli wurde er deswegen in einem Krankenhaus zwangsernĂ€hrt.

Der irakische Generalstaatsanwalt forderte im Prozess wegen des Massakers von Dudschail die Todesstrafe fĂŒr Saddam Hussein. Auch der ehemalige VizeprĂ€sident Taha Jassin Ramadan und Saddams Halbbruder Barsan Ibrahim al-Tikriti sollten hingerichtet werden, forderte der Staatsanwalt in seinem SchlussplĂ€doyer. FĂŒr vier weitere Angeklagte beantragte er Haftstrafen.

Tod durch ErhÀngen

Saddam wurde am 5. November 2006 zum Tod durch den Strang verurteilt. Er wollte sich zur UrteilsverkĂŒndung vor dem Sondertribunal nicht erheben, lenkte jedoch ein, als ihm letztlich mit Zwang gedroht wurde. WĂ€hrend der UrteilsverkĂŒndung rief er wiederholt Koranverse, Kriegsparolen und Beleidigungen in den Gerichtssaal. Saddams persönlichem Wunsch, nicht “wie ein einfacher Krimineller” erhĂ€ngt, sondern erschossen zu werden, wurde nicht entsprochen.

Die Berufungsverhandlung in der Berufungskammer des Sondertribunals, die bei jedem Todesurteil automatisch angeordnet wird, bestĂ€tigte das Urteil schließlich am 26. Dezember 2006. Eine zĂŒgige Hinrichtung innerhalb von maximal 30 Tagen, d.h. bis zum 25. Januar 2007, wurde außerdem vorgeschrieben. Ein letzter Versuch, die Hinrichtung durch einen Antrag seiner AnwĂ€lte vor einem US-Bezirksgericht in Washington aufzuschieben, wurde abgelehnt.

Das Urteil gegen Saddam wurde am 30. Dezember 2006 kurz nach 6:00 Uhr Ortszeit (4:00 Uhr MEZ) in al-Kadhimiya, einer Nachbarstadt im Nordosten von Bagdad, durch ErhÀngen vollstreckt.

Millionen sahen zu

Die gesamte Hinrichtung wurde offiziell von den irakischen Behörden gefilmt und auf Fotos festgehalten; entsprechende Aufnahmen, welche die letzten Minuten Saddams, nicht jedoch das unmittelbare ErhĂ€ngen zeigen, waren wenig spĂ€ter weltweit in zahllosen Medien zu sehen. Die Hinrichtung sei nach offizieller Darstellung schnell und ruhig verlaufen. Saddam habe keine Bemerkung gemacht, wĂ€hrend er zum Galgen gefĂŒhrt worden sei. Vor der Hinrichtung habe er das sunnitisch-islamische Glaubensbekenntnis gesprochen.

Eine im Internet kursierende Amateuraufnahme der Hinrichtung widerlegt jedoch diese Darstellung. Dabei ist zu hören, dass Personen im Raum Saddam Hussein beschimpfen, er werde “direkt in die Hölle gelangen“, woraufhin dieser antwortet: “Irak ist nichts ohne Saddam“. Ebenso wird der radikale irakische Schiiten-FĂŒhrer Muqtada as-Sadr, einer der grĂ¶ĂŸten Gegner Saddams, durch die unbekannten Personen bejubelt. Bereits mit der Schlinge um den Hals auf der FalltĂŒr stehend sprach Saddam anschließend seine letzten Worte, die zweizeilige Schahada der Sunniten: «Es gibt keine Gottheit außer Allah. Mohammed ist der Prophet Allahs.» Noch wĂ€hrend der ersten Wiederholung öffnete sich die FalltĂŒr, als er das Wort «Mohammed» aussprach. Die inoffizielle Filmaufnahme zeigt entgegen der offiziellen auch, wie Saddam durch Genickbruch stirbt und unmittelbar nach der Hinrichtung am Galgen hĂ€ngt.

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