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Raus Aus Dem Versteck Der schwierigste Schritt: dein Coming-out

Coming-out - der schwierigste und wichtigste Schritt zugleich. Über Angst, Ablehnung und die Erleichterung, endlich ehrlich zu sein.
Der schwierigste Schritt: dein Coming-out

Bin ich schwul? Bin ich bi? Wem sag ich es? Wie reagieren meine Freunde? Muss ich das überhaupt jemandem sagen? Das Coming-out ist für Jungs nicht unbedingt die einfachste Zeit im Leben, aber auf jeden Fall eine der wichtigsten. Manche erleben nach ihrem Coming-out Ablehnung oder Diskriminierung. Andere berichten, dass sie sich danach unheimlich frei gefühlt haben, und ihre Beziehungen zu Freunden und Familie stärker geworden sind.

Wenn du selber noch vor oder mitten in deinem Coming-out stehst, dann helfen dir die folgenden Zeilen rund ums Thema Coming-out vielleicht dabei, eine Entscheidung zu treffen.

Coming-out? Was ist das?

Coming-out ist Englisch und heißt übersetzt so viel wie “herauskommen“. Um diesen Begriff zu verstehen, muss man sich die Wortbedeutung anschauen. Denn im Englischen sagt man auch “to come out of the closet“, also “aus dem Schrank herauskommen“. Eine scheinbar krumme Metapher, die erklärt werden muss. Was ist der Schrank und wieso soll man dort herauskommen?

Der Schrank bist du selbst, er ist dein Leben. Eigentlich fühlst du dich ganz wohl im Schrank, aber mit Einsetzen der Pubertät fängst du an, dich für andere Jungs zu interessieren. Langsam erwächst in dir der Verdacht, dass du schwul sein könntest. Und aus dem Verdacht wird eine leichte Panik. Du hast das Gefühl, dass du anders bist als die Menschen in deiner Umgebung, denn Schwule kennt man allenfalls aus dem Fernseher.

Trotzdem merkst du, dass diese Gefühle da sind und du sie nicht wegdiskutieren kannst. Also fängst du automatisch an, dich mit deinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Langsam fängst du an, dich mit deinen Gefühlen zu identifizieren. Wenig später wirst du sie akzeptieren. Wenn du erstmal deine Gefühle akzeptiert hast, dann kannst du auch dich selbst akzeptieren.

Häufig setzt an dieser Stelle eine Verdrängung ein. Denn man möchte nicht schwul sein, wenn man dafür seine ganzen Zukunftspläne über den Haufen werfen muss. Auch neue Bedürfnisse und Sehnsüchte anzuerkennen ist nicht leicht, darüber hinaus müssen sie in dein Leben integriert und als ein Teil von dir akzeptiert werden.

Und dann gibt es noch so viele Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben. Die hast du schon in deiner Kindheit unbemerkt verinnerlicht. Du musst erkennen, dass diese Vorurteile Quatsch sind, dass schwule Männer genauso Mann sind wie heterosexuelle und dass sie keine Frauenkleider tragen, nur weil sie schwul sind. Jedes einzelne Vorurteil musst du als solches erkennen und abbauen – und davon gibt es eine ganze Menge. Darüber hinaus musst du damit fertig werden, dass man dir nicht unbedingt zujubeln wird, wenn du dir selbst und anderen deine Sexualität eingestehst. Du musst lernen, darüber zu stehen.

Hmm, gehts vielleicht ein bisschen genauer?

Natürlich. Nun, kurz gesagt bezeichnet das Coming-out den eigenen Prozess, sich seiner eigenen gleichgeschlechtlichen Empfindung bewusst zu werden. Und dies gegebenenfalls dem näheren sozialen Umfeld mitzuteilen und im Endeffekt selbstbewusst mehr oder weniger offen Schwuler oder Bisexueller zu leben.

Die meisten von uns werden heteronormativ oder gar heterosexistisch erzogen, das bedeutet, dass man sie so erzieht, als wären sie heterosexuell, ungeachtet der tatsächlich vorhandenen sexuellen Orientierung. Klar, welche Eltern erziehen ihr Kind auch von Anfang an Homosexuell? Das ist aber eben vergleichbar mit der Erziehung von Linkshändern in früheren Tagen, denen dasselbe Verhalten beigebracht wurde wie Rechtshändern, obwohl die Kinder damit offensichtlich nicht zurecht kommen. Für die Gesellschaft ist das einfacher, da man sich die Differenzierung spart, für die Betroffenen hingegen verursacht das erhebliche Schwierigkeiten.

Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist schon im frühesten Kindesalter unabänderlich festgelegt. Es ist durch verschiedene Studien zweifelsfrei erwiesen, dass die sexuelle Orientierung zu einem großen Teil von genetischen Faktoren bestimmt wird. Es ist bisher noch unzureichend erforscht, ob und welche weiteren Faktoren nach der Zeugung noch hinzukommen können. Bisher sind keine seriösen Fälle bekannt, in der die sexuelle Orientierung erfolgreich verändert wurde, trotz umfangreicher Versuche vor allem durch Aktivisten der Ex-Gay-Bewegung. Man kann daher sagen, dass die sexuelle Orientierung – deine sexuelle Orientierung – unveränderlich ist. Dies wird gelegentlich verdeutlicht durch die Redewendung: “Schwul wird man nicht, schwul ist man!“. Im Zuge des Coming-out wird also eine vorhandene homosexuelle Orientierung nicht etwa entwickelt, sondern von sich selber nur entdeckt.

Wenn du dir sicher bist, bisexuell oder schwul zu sein, hast du schon eine der größten Hürden genommen. Denn sich selber einzugestehen, dass Man(n) nicht wie seine Freund ist, ist eine der größten Herausforderungen – das ganze spielt sich nur in deinem Kopf ab.

Die Antwort auf Fragen, die mit “Bin ich eigentlich der einzige…” anfangen, ist grundsätzlich “nein“!

Inneres und äußeres Coming-out

Im Coming-out unterscheidet man zwei Phasen, das innere Coming-out und das äußere Coming-out. Das innere Coming-out umfasst den Teil des Prozesses bis zur Bewusstwerdung über eine bei der eigenen Person vorhandene homosexuelle Orientierung. Die Feststellung “Ich bin homosexuell!” erfolgt zunächst für sich selbst. Diese Phase kann individuell unterschiedlich lange dauern, beginnt meist mit der Pubertät und kann sich teilweise über viele Jahre hinziehen.

Das äußere Coming-out ist dadurch geprägt, dass man allen oder ausgewählten Menschen des sozialen Umfeldes – meist beginnend mit nahen Verwandten und Freunden – die eigene sexuelle Orientierung explizit offenbart, die Feststellung “Ich bin schwul!” erfolgt dann gegenüber anderen Menschen. Viele Homosexuelle informieren allerdings nur einen Teil ihres sozialen Umfeldes.

Der Coming-out-Prozess ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. Es gibt Fälle, in denen Menschen in relativ hohem Alter ihre Homosexualität ihren Familien, Kollegen oder ihrem Freundeskreis offenbaren. Obwohl diese Menschen, im Gegensatz zu jüngeren, meist finanziell unabhängig sind und nicht von Pubertätsproblemen geplagt werden, haben sie andere Probleme, weil sie meist sehr lange ihrer Umgebung eine Fiktion gezeigt haben, die nur sehr schwer zu widerrufen ist. In vielen Fällen sind sie sogar verheiratet oder haben Kinder.

Wann immer ein Betroffener in eine fremde Umgebung kommt (neue Schule, Wohnort oder fremde Menschen, die er nicht auf Anhieb abschätzen kann, weil sie zum Beispiel aus anderen Kulturkreisen stammen), stellt sich für ihn immer wieder neu die Frage, ob und wie er seine sexuelle Identität seiner Umgebung offenbart.

Es gibt kein definiertes Ergebnis für einen Coming-out-Prozess. Vom völlig offenen bis zum weitgehend zurückgezogenen Leben reichen die Schattierungen. Kriterium ist, ob der Betroffene innerlich seine sexuelle Orientierung akzeptiert hat und sich selbst nicht verleugnet. Jemand kann sich seiner homosexuellen Veranlagung bewusst sein oder sogar sexuelle Beziehungen zum selben Geschlecht haben und trotzdem Schuldgefühle oder Selbsthass empfinden.

Man, der ist echt süß …

Auf dem Land in Deutschland lebende homosexuelle Menschen haben es im Vergleich zu homosexuellen Menschen in unseren Städten schwerer und suchen daher zunächst Informationen über Medien (wie du hier gerade: Internet, Fernsehen,…). Erst wenn sie sich selbstsicher genug fühlen, offenbaren sie sich Vertrauenspersonen oder engen Freunden. Ein offenbarendes Gespräch mit Eltern oder Verwandten erfolgt häufig später und ist von den jeweiligen Familienverhältnissen abhängig. Oftmals ist es nämlich leichter, erst mit seinen eigenen besten Freunden darüber zu sprechen, als mit den Eltern anzufangen. Schließlich besteht die Angst, seine eigenen Eltern zu enttäuschen, da ihr ach-so-geliebter Vorzeigejunge schwul ist.

Aufgrund der Erziehung entstehen bei homosexuellen Menschen zum Teil erhebliche Spannungen zwischen den Erwartungen der Umgebung an ihre Gefühle und den tatsächlich vorhandenen Gefühlen. Während zum Beispiel andere Jungs eine sexuelle Erregung beim Anblick von Mädchen verspüren, empfinden schwule Jungs in derselben Situation ganz anders. Mädchen? Ja schon nett, aber das wars auch schon. Aber der Typ dahinten, man, der hat so schöne Augen und schaut einfach nur gut aus … Diese Situationen führt oft zu einem gemeinen Gefühl des Andersseins und auch des Alleinseins. Viele Homosexuelle glauben zunächst, ganz alleine und einzigartig zu sein mit ihren Gefühlen, vielleicht kennst du das ja auch. Sorry Girls, ich bin schwul!

Angst und Verzweiflung

Gerade unter jugendlichen Homosexuellen ist die Selbstmordversuchsrate höher als in allen anderen Kreisen. Das führt unter anderem aus dem Stress her, unter dem sie selber leiden. Negative Reaktionen der eigenen Freunde, eigene Erwartungen und das miese Gefühl der Ungewissheit nagen an den eigenen Nerven. Das ganze geschieht zudem nicht über ein paar Tage, sondern kann sich über Jahre hinweg ziehen. Dazu gesellen sich eben bohrenden Fragen wie “Bin ich normal?“, “Bin ich allein so?“.

Es erfordert daher ein erhebliches Maß an Vertrauen der Betroffenen in ihre Umwelt, um die eigene sexuelle Orientierung anderen zu offenbaren. Manchmal schrecken Betroffene aus Angst vor einer möglichen negativen Reaktion vor dem Outing zurück, obwohl eine solche negative Reaktion tatsächlich gar nicht droht.

Anspielend einerseits auf die erheblichen emotionalen Belastungen, die mit dem Coming-out verbunden sind, und andererseits auf den Umstand, dass Homosexualität teilweise angeboren ist, pflegen manche Betroffenen die Redewendung: “Schwul ist man nicht, das hat man sich hart erarbeitet!“.

Tu es, tu es!

Also, mach dir nicht zu viele Gedanken darüber, ob du normal bist oder ob du deinen Freunden mitteilen sollst, dass du schwul oder bisexuell bist. Das viele Gegrübel führt nur dazu, dass man sich immer schlechter fühlt und ein eine teufelskreisartike Depression verfällt. Hey, schwul zu sein ist völlig normal! Es gibt dort draußen unglaublich viele Jungs, die genauso wie du empfinden und denken, man sieht es ihnen im Alltag nur nicht an. Und wenn du Angst davor hast, es deinen Freunden oder deiner Familie mitzuteilen – die Reaktionen fallen fast immer unglaublich positiv aus, man macht sich viel zu vielen Gedanken darüber. Außerdem wird es die Mädels in deiner Umgebung umso mehr freuen, denn schließlich können sie nun in dir gefahrenlos einen neuen besten Freund sehen. Aber wie gesagt, du musst daran arbeiten, es ist deine Entscheidung. Und wenn du dir komisch vorkommst, weil du Jahrelang darüber nachdenkst – das ist auch völlig normal! Sei einfach so, wie du bist, und wie du dich am besten fühlst. Was andere über dich denken, sollte dir egal sein. Nur du solltest dir wichtig sein …

Andere Jungs suchen und Fragen beantwortet bekommen

Um dir den Kontakt mit anderen schwulen oder bisexuellen Jungs zu erleichtern, gibt es genügend kostenlose Portale, die ähnlich wie Facebook & Co funktionieren. Dort triffst du gleichgesinnte und kannst dich fast immer mit all deinen Fragen anonym beraten lassen. Außerdem bieten sie dir auch haufenweise Tipps, um besser mit deiner Einstellung umgehen zu können. Also, trau dich nur! Und such etwas im Internet, denn auch in deiner Stadt gibt es mit Sicherheit Vereine oder Gruppen, die extra auf unentschlossene oder jüngst geoutete Jungs spezialisiert sind. Sie bieten fast immer einen Treffpunkt für lockeres Beisammensein, meistens sind alle Teens & Twens von 14-27 Jahren willkommen!

DBNA – ein Portal für schwule, bisexuelle und unentschlossene Jungs bis 27 Jahren mit umfangreichen Tipps und Hilfestellungen.

Gayhelp – Das Coming-Out-Portal für Schwule, Lesben und Bisexuelle Jugendliche

PlanetRomeo – das größte schwule Netzwerk – hier findet jeder seinen Traumprinzen – Allerdings erst ab 18!

Quellen: Wikipedia.org, Gayhelp.de und DBNA.de