Biete private Daten gegen Werbung

Biete private Daten gegen Werbung

Suspekt: Hierzulande monieren DatenschĂĽtzer rund um die Uhr den scheinbar an gewerbliche Prostitution grenzenden Ausverkauf unserer intimsten Momente in den unermesslich tief anmutenden Sphären des Webs – und dort in erster Linie innerhalb (a)sozialer Netzwerke wie Facebook, Twitter & Konsorten. Milliardenschwere Webkonzerne wie Google, Microsoft und Amazon tracken, speichern und analysieren jeden unserer Ficks und Klicks. Jedwede Suchanfrage. Sämtliche aufgerufene Websites. Verweildauern auf Portalen, selbstredend thematisch kategorisiert. Jene Unternehmen besitzen Kunde ob unserer Interessen, Hobbys, Vorlieben und gemeinhin vertraulichsten Geheimnisse. Mitunter schĂĽtzen gar anonymes Surfen sowie das obligatorische Interwebz-Neulings-Löschen von Cookies & Verläufen vor dieser Datensammlung und damit einhergehenden Profilbildung nicht mehr. Webdienste kennen unser Geschlecht. Alter. Wohnort. Beziehungsstatus. Wissen ĂĽber unseren privaten sowie beruflichen Werdegang bescheid. Ahnen, was wir konsumieren – sowohl medial als auch materiell. VerfĂĽgen ĂĽber Richtwerte ob unseres Einkommens und sozialen Status. Sind hinsichtlich unseres Freundeskreises, unserer Kollegen und teilweise auch Familie bestens bewandert. Mehr noch, ihnen sind in vielen Fällen gar Krankheitsbilder, heimliche PrivatvergnĂĽgen, SeitensprĂĽnge sowie gängige sexuelle Interessen bekannt.

All diese enormen Datenberge werden, so wird’s Land auf, Land ab gepredigt, gespeichert, von magischen Algorithmen ausgewertet, mehr oder minder intelligent eines komplexen Puzzles gleich zusammengetragen und ergeben so letzten Endes ein exaktes Profil unserer eigenen Persönlichkeit. Eine digitale Kopie des Ichs. Und eben jene Kopie ist der Werbeindustrie bares Gold wert, lässt Umsätze im zweistelligen Milliardenbereich sprudeln; sie stellt ein verwertbares respektive verkäufliches metaphysisches Produkt dar. Wohl wahr, wir braven Schäfchen User verkörpern innerhalb des Webs lediglich kommerzielle Produkte der Werbeindustrie, wir sind sowohl Konsumenten als auch zum Konsum verpflichtete KonsumgĂĽter. Verkaufen augenscheinlich kostenlosen, praktischen Webdiensten unsere eigenen Seelen – und werden hierzu unentwegt weiter verfĂĽhrt, geschröpft und radikal ausgebeutet.

So heiĂźt es.

Doch Hand auf’s Herz: In der Realität ist von dieser intelligenten, individualisierten Werbewelt noch nicht wirklich viel zu sehen, geschweige denn zu spĂĽren. Beispiel Google: Trotz Zugriffs auf all meine E-Mail-Konversationen und mein gesamtes Webprotokoll der vergangenen 10 Jahre – welches aktuell 69.579 Suchanfragen umfasst, trotz 10.769 geguckter YouTube-Videos, Vorlieben und Likes auf Google+, Dokumenten, Bildern und Videos in Google Drive, ja trotz eindeutiger Termine im Google Kalender, Projekten in den Google Webmastertools, Statistiken in Google Analytics, trotz GPS-Ortung via meines Google Nexus 5 und meines Chromebook sowie des locationsbasierten Google Ingress’s; trotz all dieser Berge, nein Gebirge persönlicher Daten sind gefĂĽhlte 99% aller mir dargebotenen Text- und Bildanzeigen von Googles Anzeigendiensten fehl am Platz. Sie sprechen mich wenig bis gar nicht an – und passen nur sehr selten auf von mir tatsächlich konsumierten Produktreihen oder Dienstleistungen. Dies mag selbstredend in Teilen meiner eigenen Netzaffinität und des beruflichen Engagements in eben jenen Bereichen des Onlinemarketings und der Suchmaschinenoptimierung geschuldet sein. Manche besagter Anzeigen verhöhnen inhaltlich jedoch geradezu persiflierend meine aktuell aufgerufenen Websites und / oder Webapps; verquirlen beflissen Kontexte ber jeglichen Konsens. So werden mir Windeln und StrampelanzĂĽge auf Planetromeo dargeboten. Portale zur, nun, „diskreten Frauenakquise“ auf DBNA vermittelt. Werkzeuge auf golem.de angepriesen. Oder, der Klassiker, Google-Dienste auf Google-Portalen ans Herz gelegt.

Selbiges Trauerspiel in und um Facebook herum: Mir werden an den Haaren herbeigezogene, mehr als unpassende Produkte und Sonderangebote feilgeboten. Dienstleistungen und Anwendungen, die meines Erachtens sowas von gar nicht zu meinem Umfeld, meiner derzeitigen Lebenssituation, ja zum gesamten Wesen meiner selbst passen. Als da beispielsweise FuĂźballtickets als FuĂźball-Hater wären. KFZ-Ersatzteile als FĂĽhrerschein-Verweigerer. BH’s fĂĽr die Freundin als Schwuppe. Primark-Klamotten als Esprit-JĂĽngling. Und so weiter, und so fort.

KĂĽnstliche Intelligenz? Semantisches Web? Professionelle Algorithmen? Pustekuchen! Liebste Werbeindustrie, vergöttertes Google – soll das euer Ernst sein? Entwickelten unterbelichtete Praktikanten eure ach so sehr gepriesene Software? Darf oder soll ich euch diesbezĂĽglich unter die Arme greifen? Ehrlich, ich erklärte mich jederzeit bereit, euch freiwillig ein selbst verfasstest und von Freunden verifiziertes Profil meiner Persönlichkeit zukommen zu lassen. Digital, auf ausdrĂĽcklichen Wunsch gar via Fax. Krony, wie er leibt und lebt. Damit ich schlieĂźlich EINMAL in den Genuss interessanter, ĂĽberraschender Werbung gelänge. Ja, ich will endlich schnieke Banner klicken, und wie Angela Merkel ein unheimliches GefĂĽhl ob personalisierter Werbung im Neuland empfinden dĂĽrfen! Will getrackt und verhökert werden. Ich biete private Daten gegen Werbung 🙂

Eventuell … bin ich aber auch nur zu dumm fĂĽr Werbung. Mea culpa!

Titelbild: „Samsung HD753LJ 03-Opened“ von Christian JanskyEigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

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